SH 5ct/10ct – J9s CO
Versuch einer Analyse
Ab und an juckt es mich doch noch, meine Theoriekenntnisse zu überprüfen.
Aus diesem Grund habe ich mir dazu folgende Hand vorgenommen, um etwas Theorie zu üben…
BU ( $2.30 USD ) – VPIP: 54, PFR: 8, 3B: 0, AF: 2.0, Hands: 13
SB ( $4.02 USD ) – VPIP: 83, PFR: 37, 3B: 33, AF: 1.9, Hands: 30
BB ( $1.86 USD ) – VPIP: 29, PFR: 4, 3B: 0, AF: 0.6, Hands: 28
Preflop: Hero is CO with 9
, J
.
Hero raises, BU folds, SB 3-Bets, BB folds, Hero calls.
Flop: (7 SB) 8
, 8
, J
(2 players)
SB bets, Hero calls.
Turn: (4.5 BB) 9
(2 players)
SB bets, Hero raises, SB calls.
River: (8.5 BB) Q
(2 players)
SB bets, Hero calls.
Final Pot: 10.5 BB.
A) Preflop
Ist J9s überhaupt stark genug, um damit aus dem CO zu openraisen?
Wenn wir in den gängigen Charts nachsehen, können wir daraus ablesen, dass bereits ab J8s ein Openraise aus dem Cutoff profitabel ist.
Warum ist das profitabel?
Die Antwort darauf ist rein mathematisch: zum Zeitpunkt unserer Entscheidung (Openraise/Fold) sind nach uns noch 3 weitere Spieler am Zug, deren Starthand für uns unbekannt (random, zufällig) ist.
Mit Pokertools wie dem Equilab, Equilator oder Pokerstove kann man Equityberechnungen für alle erdenklichen Situationen erstellen.
In diesem Fall berechnen wir die Equity von J9s gegen 3 zufällige (100%-Range) Starthände:
Equity Win Tie
CO 31.14% 29.86% 1.28% { Jh9h }
BU 22.95% 21.72% 1.23% { zufällig }
SB 22.95% 21.72% 1.23% { zufällig }
BB 22.96% 21.73% 1.23% { zufällig }
Wie man sieht, sind wir Preflop leichter Favorit.
Generell ist jede Starthand profitabel zu Openraisen, deren Equity über der Durchschnittsequity liegt (in diesem Fall über 25%), wobei natürlich auch die Playbility der Hand und die Tischposition noch ein klein wenig zu berücksichtigen sind – zumal die Equityprogramme davon ausgehen, dass alle Spieler zum Zeitpunkt der Berechnung All-In sind, also kein weiteres Investment mehr geleistet wird (oft ist die Realisierung unserer Equity schwierig).
Handbereich mit Equity größer als 25.00 %:
44+
A2s+, K2s+, Q4s+, J6s+, T7s+, 97s+, 87s, 76s
A2o+, K6o+, Q8o+, J8o+, T8o+
Im schlimmsten Fall bekommen wir vom Button die 3bet und spielen so eine Hand wie J6s HU Out of Position – da sieht es dann nicht mehr so dolle aus…
Equity Win Tie
CO 33.70% 33.26% 0.44% { J6s }
BU 66.30% 65.85% 0.44% { 44+, A5s+, KTs+, QJs, A8o+, KJo+ }
Natürlich spielen wir praktisch niemals gegen eine 100%-Range (je nach Spielertyp werden die besten X% der Range 3bet und die schlechtesten Y% der Range fold gespielt), da wir zum Zeitpunkt unserer Entscheidung jedoch nicht wissen, was hinter uns passiert, gehen wir zunächst davon aus, dass Villain jede mögliche Starthand halten kann (je nachdem, wie sich die weitere Action hinter uns entwickelt, ändern sich dementsprechend die angenommenen Ranges und dadurch auch die Equityverteilung).
So auch in dieser Hand:
Der Button foldet, der Small Blind 3bettet und der Big Blind foldet ebenfalls und die nächste zu treffende Entscheidung ist für mich: 4bet, Call oder Fold.
Da ich vom Small Blind bisher lediglich 30 Hände habe, ist die Samplesize viel zu gering, um genaue Angaben über seine Spielgewohnheiten zu machen. Aus seinen bisherigen Stats und den Eindrücken, die ich dato von ihm am Tisch gewonnen habe, ist Villain tendenziell ein hochgradiger Maniac, dem ich zu meinen Ungunsten für die Equityberechnung eine 30%-3betting-Range gebe:
Equity Win Tie
CO 40.56% 39.51% 1.05% { Jh9h }
SB 59.44% 58.39% 1.05% { 22+, A2s+, K7s+, Q8s+, J8s+, T9s, 98s, A2o+, K9o+, QTo+, JTo }
Wie man sieht, bin ich aufgrund der reduzierten SB-Range nur noch Underdog, womit auch klar ist, dass eine weitere Erhöhung nicht gut sein kann, womit sich die Frage über die 4bet bereits geklärt hat.
Da ich nur 14,3% Equity für einen Call benötige (Risk/Reward: 1SB/7SB), jedoch eine wesentlich höhere EQ besitze (40,56%) wäre hier ein Fold ein sehr schwerer Fehler (es befinden sich momentan 6SB im Pot, von denen mir statistisch gesehen lt. EQ 2,43SB gehören; von der noch zu investierenden 1SB gehören mir demnach statistisch ebenfalls bereits 0,4SB) – zumal ich genau gegen diesen Gegner spielen wollte und in der weiteren Folge in Position mein weiteres Investment perfekt steuern kann!
Selbst wenn wir wüssten, dass der SB ausschließlich mit AA 3bettet, wäre es in Limit Holdem aufgrund der guten Pot Odds ein Fehler, hier zu folden:
Equity Win Tie
CO 20.56% 20.37% 0.19% { Jh9h }
SB 79.44% 79.25% 0.19% { AA }
B) Flop
Ich treffe Top-Pair und mein Plan war die Standard-Line Call Flop / Raise Turn.
Jetzt, im Nachhinein während der Analyse, könnte ich mir – gerade gegen diesen Gegner – Raise-Call Flop / Raise Turn vorstellen: also direkt den Flop raisen, um von Villain die 3bet zu induzieren, womit wir von ihm 1 BB (2 SB) zusätzlich extrahieren!
Villains Range lässt sich hier nicht weiter reduzieren, da er auf diesem Board mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 100% seiner Prefloprange contibetten wird:
Board: Jd8d8c
Equity Win Tie
CO 68.27% 66.48% 1.80% { Jh9h }
SB 31.73% 29.93% 1.80% { 22+, A2s+, K7s+, Q8s+, J8s+, T9s, 98s, A2o+, K9o+, QTo+, JTo }
C) Turn
Am Turn verbessere ich mich zum Top 2-Pair, ich liege hinten gegen Overpairs (besseres 2Pair wg. paired Board), Full-House, x8 und die Straight QT.
Aus Übungszwecken habe ich Villains angedachte Range (325 Kombos) in Subranges unterteilt:
b/3bet (37 Kombos) – Hier sind keine Pure-Bluff-Hände enthalten (obwohl man dies Villain durchaus zutrauen dürfte), dafür habe ich 5 Kombinationen an Semibluffs mit 15-19 Outs dazugenommen
Board: Jd8d8c9s
Equity Win Tie
CO 17.57% 17.57% 0.00% { Jh9h }
SB 82.43% 82.43% 0.00% { JJ, 99-88, A8s, K8s, QTs, Q8s, J8s, 98s, AdKd, AdQd, KdQd, AdTd, KdTd, A8o, QTo }
b/c (213 Kombos)
Board: Jd8d8c9s
Equity Win Tie
CO 76.93% 76.36% 0.58% { Jh9h }
SB 23.07% 22.49% 0.58% { QQ+, TT, 77-22, AJs, A9s, A7s, KJs, K9s, K7s, QJs, Q9s, J9s+, T9s, 98s, AhKh, AsKs, AcKc, AhQh, AsQs, AcQc, KhQh, KsQs, KcQc, AhTh, AsTs, AcTc, KhTh, KsTs, KcTc, Ad6d, Ad5d, Ad4d, Ad3d, Ad2d, A9o+, A7o, K9o+, QJo, JTo }
b/f (75 Kombos)
Board: Jd8d8c9s
Equity Win Tie
CO 93.18% 93.18% 0.00% { Jh9h }
SB 6.82% 6.82% 0.00% { Ah6h, As6s, Ac6c, Ah5h, As5s, Ac5c, Ah4h, As4s, Ac4c, Ah3h, As3s, Ac3c, Ah2h, As2s, Ac2c, A6o-A2o }
D) River
Nicht ungewöhnlich, dass am River gedonkt wird…
Ich mache dies gewöhnlich mit Madehands, wenn Gefahr besteht, dass Villain sich auf Scarecards einen Free Showdown nimmt – also behind checkt. Ein zweiter denkbarer Fall wäre, als Purebluff zu donkbetten (in diesem speziellen Fall sehe ich allerdings zuwenig Foldequity, selbst wenn wir die Q
gegen die Q
tauschen und praktisch alle Draws ankämen.
Nüchtern und mathematisch betrachtet sieht es so aus, dass ich 1BB Investment habe (das ich nach einem eventuellen Check Villains sowieso getätigt hätte) um 10,5BB zu gewinnen.
Um die Donkbet zu callen benötigen wir (Investment/Potsize, also 1BB/10,5BB) 9,5% Equity gegen Villains Donking-Range (inklusive bluffing Busted Draws) , um sie zu raisen 66%, wobei zu beachten ist, dass wir einen Purebluff nicht raisen brauchen, weil das Raise nicht mehr gecalled wird. Das bedeutet, dass ich 66% Equity gegen Villains Madehands benötigen würde (also seine donk/calling plus seine donk/3bet-Range). Die 66% ergeben sich daraus, dass wir von den Händen, gegen die wir vorne sind 2BB gewinnen, gegen Hände, gegen die wir hinten sind aber 3BB verlieren (durch Villains 3bet).
Board: Jd8d8c9sQh
Equity Win Tie
CO 42.81% 42.50% 0.31% { Jh9h }
SB 57.19% 56.88% 0.31% { QQ+, TT, 77-22, AJs, A9s, KJs, K9s, QJs, Q9s, J9s+, T9s, 98s, AhQh, AsQs, AcQc, KhQh, KsQs, KcQc, AhTh, AsTs, AcTc, KhTh, KsTs, KcTc, AQo-A9o, K9o+, QJo, JTo }
Ich habe Villains Bet/Calling-Range vom Turn weiter reduziert. Sie besteht nur noch aus Madehands (auch wenn da viele Hände dabei sind, mit denen ich an Villains Stelle am River kein Investment mehr tätigen möchte und über einen Checkbehind sehr froh wäre (Pockets, 9x).
Gegen diese Madehand-Range haben wir 42,91% Equity und einen ganz einfachen Call.
Auf die 66% für das Raise kommen wir im Leben nicht – aber ich denke, das sieht man auch, wenn man sich einfach nur das Board ansieht: aufgrund der paired 8 am Flop ist unser 2Pair am River eben nicht mehr ganz so stark…
Der Maniac zeigte mir am Showdown 3
3
und hat somit sein Pocketpair in einen Bluff verwandelt, denn aus seiner Sicht sah es folgendermaßen aus:
Board: Jd8d8c9sQh
Equity Win Tie
CO 94.40% 94.40% 0.00% { 88+, AJs, A8s, KJs, K8s, QTs+, Q8s, J8s+, 98s, AdKd, AdQd, KdQd, AdTd, KdTd, Ad9d, Kd9d, Qd9d, Td9d, Ad7d, Ad6d, Ad5d, Ad4d, Ad3d, Ad2d, AJo, A9o-A8o, KJo, QTo+, JTo }
SB 5.60% 5.60% 0.00% { 3h3c }
Villain ist nur noch gegen meine Busted Flushdraws vorne, was gerade einmal 7 von 125 Kombinationen ausmacht (viele FDs meiner CO-Openraising-Range sind ja bereits Madehands).
Ich habe also aus seiner Sicht kaum schlechtere Hände, von denen er eine Valuebet verpasst, da er für diese 7 Kombinationen (5,6%) von z.B. A9 und K9s (insgesamt 11 Kombinationen) ebenfalls oft keine Valuebet mehr ausbezahlen muss, da diese oft behindgecheckt werden.
Da es sich aus seiner Sicht also nachweislich um keine Valuebet handelt, verwandelt er seine (marginale) Madehand in einen Bluff!
Nur: welcher TAG foldet am River gegen eine Scarecard-Donkbet eines Maniacs? Er hat ja praktisch 0% Foldequity?
